Das Schweigen ist gebrochen

Nach dem Anschluss Mitteldeutschlands an die Bundesrepublik Deutschland wurde die landsmannschaftliche Arbeit auch in den neuen Ländern möglich. Für diejenigen, die damals im Mai 1992 beim ersten Treffen der Ost- und Westpreußen im „Goldenen Löwen” in Chemnitz/Rabenstein dabei waren, wird das ein bleibendes Erlebnis sein. Ganze drei Tagesveranstaltungen waren notwendig, um die herbeigeströmten Landsleute über das künftige Wirken unseres Heimatverbandes zu informieren. Mit Dank erinnern sich die Chemnitzer Ost- und Westpreußen der Hilfe der Landesgruppe Bayern. Die Veranstaltungen waren ein Signal. Viele Kreisgruppen und die Landesgruppe im Freistaat Sachsen wurden gegründet. Das jahrzehntelange Schweigen hatte ein Ende. Von nun an gab es auch in Chemnitz eine Vereinigung, die die Interessen der vertriebenen Ost- und Westpreußen nachhaltig vertreten konnte.

Die Kreisgruppe Chemnitz der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen wurde am 15. Juni 1992 feierlich gegründet. Sie wurde als selbständiger Verein unter der Nummer VR 858 in das Register des Amtsgerichtes Chemnitz eingetragen. Gleichzeitig wurde dem Verein die Gemeinnützigkeit zuerkannt.

Im Gründungsjahr 1992 konnten 360 Mitglieder in die Kreisgruppe aufgenommen werden. Die Anzahl der Aufnahmen stieg in den letzten zehn Jahren auf 549, davon schieden aus den verschiedensten Gründen wieder 294 Mitglieder aus. Heute verfügt die Kreisgruppe Chemnitz noch über 255 eingetragene und fördernde Mitglieder.

Die Altersstruktur zeigt eine Hochbetagte Mitgliedschaft im Verein. Über 90% sind Rentner und darunter befinden sich über 40% in einem Alter, das teilweise weit über 80 Jahre liegt.

Von den 255 Mitgliedern kommen 180 aus Chemnitz und 75 aus anderen Orten des Regierungsbezirkes.

Seit ihrer Gründung hat sich die Kreisgruppe durch ihre kontinuierliche und öffentlichkeitswirksame Arbeit einen geachteten Platz im gesellschaftlichen Leben geschaffen. Ziel und Zweck unserer Vereinigung ist die Wahrung und Pflege der Werte ost- und westpreußischer Geschichte und Kultur, ihre Vermittlung und die Bewahrung heimatlichen Brauchtums. Mittelpunkt der Vereinsarbeit ist die Arbeit mit den Mitgliedern und ihre Vertretung in allen Fragen, die mit dem Verlust der Heimat und der Vertreibung verbunden sind.

In vielfältigen Formen fördert der Verein den Gedankenaustausch, das Gespräch und die Zusammenkünfte der ost- und westpreußischen Landsleute. Neue Verbindungen zur Heimat wurden nicht nur aufgebaut, sondern zu einer regelmäßigen Zusammenarbeit geführt. Dazu gehören auch Aktionen der humanitären Hilfe und Unterstützung für die in der Heimat verbliebenen Landsleute und für Notleidende und Hilfsbedürftige, die jetzt in unserer Heimat leben.

Die Kreisgruppe führt regelmäßig monatlich thematische und gesellige Veranstaltungen durch. Sie bemüht sich intensiv um die gruppenorientierte und individuelle soziale und kulturelle Betreuung ihrer Mitglieder und deren Angehörigen sowie der hilfsbedürftigen und kranken Landsleute. Sie organisiert Fahrten in die Heimat und zu touristischen Zentren in Mittel- und Westdeutschland. Bis auf wenige Ausnahmen haben unsere Mitglieder in den vergangenen Jahren mehrfach die Stätten ihrer Kindheit und Jugend wieder besuchen können. Für viele waren es glückliche Stunden erlebter Erinnerung, aber eine große Zahl unserer Landsleute fand nur noch mit Mühe jene Flecken, wo sie einst zu Hause waren. Was ihnen blieb, war oftmals nur ein Stückchen Heimaterde oder eine Hand voll Bernstein.

Die kulturelle und künstlerische Arbeit, die Veranstaltungstätigkeit in unserer Kreisgruppe wurde wesentlich durch den Kulturkreis „Simon Dach”, unter der Leitung von Ingrid Labuhn, der aus dem Ostpreußenchor aus Chemnitz hervorgegangen ist, bestimmt. Vielfältig ist der Reigen des künstlerischen Wirkens dieser Gruppe. Mit Gesang, Wort und Spiel hält der Kulturkreis kulturelles Erbe der Heimat, Sitten, Bräuche und preußische Gewohnheiten wach. Das Volkslied wird ebenso gepflegt wie das Bemühen um die Interpretation neuer musikalischer Werke. Der Kulturkreis ist seit vielen Jahren bei überregionalen Chorwettbewerben und Veranstaltungen präsent.

Insgesamt wurden bisher in unserer Kreisgruppe fast 200 Veranstaltungen durchgeführt. Hinzu kommt eine Vielzahl von Heimatkreiszusammenkünften. Neben den jährlich wiederkehrenden Veranstaltungen zum „Tag der Heimat”, zu Weihnachten, Fasching und Ostern haben Themen, wie die, die anlässlich des 300. Jahrestages der preußischen Königskrönung in Königsberg (Pr) behandelt wurden, ein reges Interesse erfahren. Besonders nachfolgende Veranstaltungen werden uns in Erinnerung bleiben:

  • 450 Jahre „Albertina” und Immanuel Kant
  • Johann Gottfried Herder und unsere Zeit
  • Die „Gustloff” Katastrophe
  • „Überleben war schwerer als Sterben” – Lesung mit Erika Morgenstern
  • „Die Orgelpfeifen” – Lesung mit Dr. J. Gurks – †
  • „Wie Phönix aus der Asche” – Opfer und Leid in Königsberg, Dresden und Chemnitz
  • Bericht über das Wirken von Pfarrer Beyer im heutigen Kaliningrad
  • Veranstaltungen zu Leben und Werk von Lovis Corinth, Siegfried Lenz, Johannes Bobrowski, Agnes Miegel, Herbert Brust, Ernst Wiehert
  • Mundartnachmittage mit Hildegard Linge, Brigitte Kluwe und dem „Rosenau-Trio”
  • Unsere Königin Luise
  • Die Evakuierung der Königsberger Frauenklinik
  • Der Pferdemarkt in Wehlau
  • Die Wolfskinder in Litauen
  • „Salut den Sachsen” – Die Salzburger in Chemnitz und die „Ostpreußenhilfe”
  • Sachsens nach dem Ersten Weltkrieg
  • Erste Lesung von Zeitzeugenberichten aus der Heimat von Mitgliedern der Kreisgruppe
  • Die „Ostpreußische Mädchengewerbeschule” zu Königsberg (Pr), die „Klopsakademie”
  • Schulzeiten in Ostpreußen und das Realgymnasium Tilsit
  • Heut singen die Geigen ein zärtliches Lied” – Lieder und Schlager aus vergangener Zeit
  • „Preußen unter der Königskrone” mit Prof. Dr. Wolfgang Stribrny
  • Menschenrechte und Gemeinschaft im „Haus Europa” mit Dr. Frans du Buy
  • Simon Dach und die „Kürbishütte” und das
    Erntedankfest mit Gottesdienst